Referate 2012 © beim Autor
   
Home
Standpunkte
Kontakt
Boris Banga
Grenchen
Region
Schweiz
Referate
Medienberichte
Kolumnen
Galerie
Gästebuch
Links
Suchen
 
 
 
 
 
 
 
 
 
   
  PDF speichern
 
1999 und älter
 
 
 
 
 
 
 
 
 
  Hier können Sie mein aktuellstes Referat nachlesen

Boris Banga verliest den Korpsrapport 2008

Verleihung des Kulturpreises 2012
an German Vogt
Übergabefeier vom 31. Januar 2012

Was ist Geschichte? In der Schule lernen wir: „Unter Geschichte verstehen wir das Geschehen von einst bis heute.“ Der niederländische Kulturhistoriker Johan Huizinga, Verfasser des Standardwerks „Herbst des Mittelalters“ hält fest: „Geschichte ist die geistige Form, in der sich eine Kultur über ihre Vergangenheit Rechenschaft gibt.“ Und der berühmte Historiker Leopold von Ranke sagt, die Geschichte hat darzustellen, „wie es gewesen ist“.

Meine sehr verehrten Damen und Herren, ich begrüsse Sie herzlich zur Kulturpreisverleihung 2012. Die beiden letzten Zitate müssen dem

diesjährigen Kulturpreisträger bekannt vorkommen, stammen sie doch aus einem Leserbrief, den German Vogt 1998 verfasst hat.

Die Definition, welche Schülerinnen und Schülern in der 6. Klasse gelehrt wird, Huizingas „Rechenschaft geben“ und Rankes „Darstellen, wie es gewesen ist“, stellen verschiedene Positionen der Auffassung von Geschichte dar. Für mich ist Geschichtsschreibung - und ich halte mich dabei an den französischen Historiker Jacques Le Goff „letztlich die Geschichte des Imaginären“.

Was ist damit gemeint? Unser Wissen über die Vergangenheit haben wir aus Funden sowie bildlichen, schriftlichen oder mündlichen Über-lieferungen. Diese Informationen aus der Vergangenheit werden Quellen genannt. Geschichte besteht aus Fakten, die empirisch nachprüfbar sind, deren Grundlagen beispielsweise die in den Archiven aufbewahrten Gesetze, Beschlüsse und Berichte sind. Aber Geschichte ist, meine Damen und Herren, mehr als die blosse Wiedergabe von Quellen. An diesem Punkt setzt die Arbeit der Historikerin, des Historikers ein.

Wie ist das zu verstehen? Dazu habe ich kürzlich einen interessanten Gedanken der Historikerin Anna Pia Maissen gelesen, den ich Ihnen nicht vorenthalten möchte: Geschichte besteht aus der Wahrnehmung der Welt und den daraus entstehenden Ideen, Mentalitäten und Lebensentwürfen. „Will man etwas über das Leben in anderen Zeiten und Räumen erfahren“, so Anna Pia Maissen, „muss dieses Imaginäre rekonstruiert werden“.

Die Zürcher Historikerin spricht zu Recht von „rekonstruieren“. Geschichte als Rekonstruktion von Vergangenheit: Dies scheint mir ein ganz wichtiger und zentraler Punkt im Verständnis von Geschichte zu sein. Vergangenheit kann meiner Meinung nach nicht abgebildet, sondern nur gedeutet und konstruiert werden. Dieser Fakt trifft selbst zu, wenn es sich um persönlich erlebte Vergangenheit handelt. Denn die Aussagen von Zeitzeugen verlangen nach historischer Interpretation durch Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, die wiederum selbst eingebunden sind in Zeitgenossenschaften, Generationen und politisch-weltanschaulichen Orientierungen. Wirklichkeit ist immer beobachterabhängig. Die – und das meine ich jetzt in fetten Buchstaben geschrieben – Die Geschichte gibt es nicht.

Was bedeutet dies für die Geschichtsschreibung? Das bedeutet, dass es keine endgültige Geschichtsschreibung gibt. Der Solothurner Historiker Wolfgang Hafner, dessen Aufsatz zur jüngsten Solothurni-schen Wirtschaftsgeschichte soeben im Jahrbuch für Solothurnische Geschichte erschienen ist, schreibt in seinem Schlusswort: „Andere Generationen werden die vergangenen Ereignisse anders bewerten. Das ist gut so, widerspiegelt sich doch in der Bewertung von historischen Vorgängen immer auch die zeitgenössische Situation.“ Jede Generation schreibt ihre eigene Geschichte. Jede Generation hat ihre eigenen neuen Fragen an die Vergangenheit. Das ist mit ein Grund, weshalb die Stadt Grenchen eine neue Stadtgeschichte erarbeiten lässt.

Es freut mich daher besonders, dass wir heute Abend einen Mann ehren, dessen Schaffen eine wichtige Grundlage bildet für das Buchprojekt „Neue Stadtgeschichte Grenchen“, dessen Startschuss Anfang Jahr gefallen ist. Im Jahr 2016 soll dann die neu geschriebene Geschichte der Stadt Grenchen vorliegen.

Doch zurück zur Ausgangsfrage: „Was ist Geschichte?“ Meine Gedanken dazu habe ich Ihnen hinlänglich vorgetragen. Bei eingehender Betrachtung schliesst sich an die erste Frage gleich eine weitere wichtige Frage an: „Wozu braucht es Geschichte?“, oder ganz ketzerisch gefragt: „Braucht es überhaupt Geschichte?“

Müssen wir uns mit der Vergangenheit auseinandersetzen? Auch wenn Sie, liebe Zuhörerinnen und Zuhörer, meine Antwort zu kennen glauben, gestatten Sie mir ein paar kurze Gedanken.

In den letzten Jahren erlebten wir geradezu einen Geschichtsboom. Die Gründung zahlreicher historischer Museen, die Entstehung neuer Kantons- und Ortsgeschichten als auch die Präsenz historischer Themen in den Medien zeugen davon. Die Bedeutung von Geschichte hat in den letzten Jahren deutlich zugenommen. Das ist eine erfreuliche Tendenz. Weshalb?

Weshalb ist die Präsenz der Vergangenheit in der Gegenwart von grosser Bedeutung? Weshalb braucht es eine gesellschaftliche Auseinandersetzung mit der Geschichte?

Meine sehr verehrten Damen und Herren, die Antwort ist einfach: „Nur wer die Vergangenheit kennt, hat eine Zukunft.“ Diese klugen Worte des preussischen Politikers, Schulreformers und Philosophen Wilhelm von Humboldt habe ich bereits in verschiedenen Zusammenhängen zitiert. Sie besagen, nur wer seine Wurzeln kennt, weiss wer er ist. Dies gilt für die eigenen biologischen Wurzeln, dies gilt aber auch für die unmittel-bare Umgebung. Die Geschichte seines Wohnortes, seines Lebens-mittelpunktes zu kennen, ist wichtig, ja unabdingbar für die Identifikation mit einer Region, einer Gemeinde oder einer Stadt.

In Zeiten des beschleunigten gesellschaftlichen Wandels kann das Wissen um Geschichte, die Kenntnis um die Verarbeitung von Erlebnissen und Erfahrungen von Menschen früherer Epochen helfen, die Gegenwart besser zu verstehen. Mehr noch: Wer seine Geschichte kennt, kann die Gegenwart besser bewältigen und die Zukunft gestalten.

Sie sehen, meine sehr verehrten Damen und Herren, die Kenntnis der eigenen Geschichte ist – und mit dieser Meinung stehe ich nicht alleine da – von elementarer Bedeutung für eine Gesellschaft. Dadurch, dass wir uns mit unserer Vergangenheit befassen, können wir viele Dinge von heute besser erklären und verstehen.

Einer, der sich zeitlebens mit der Vergangenheit befasst hat, ist der diesjährige Kulturpreisträger German Vogt. Auf seine Verdienste geht die Laudatio näher ein. Ich trage sie Ihnen nun vor:

Laudatio

Im Namen der Stadt Grenchen, ihrer Behörden und ihrer Bevölkerung danke ich German Vogt für seine historischen Forschungen und wünsche mir für ihn, dass sein Spürsinn für historische Quellen noch lange Jahre erhalten bleibt.

Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit und wünsche Ihnen noch einen schönen Festabend.